7. Juli 2011

Wenn ich an Indien denke, spüre ich das Heute.

„Denken Sie noch oft an Indien?“, hat er mich zum Abschied gefragt. „Immerhin ist es ja schon zwei Monate her.“ „Ja, immerzu“, sage ich und denke daran, wie ich jeden Tag über meinen Büchern sitze und mich in Gedanken dann an den Orten wiederfinde, wo ich das alles gesehen, wirklich erlebt habe. Das Meditieren im buddhistischen Meditation Centre, die tägliche Hausarbeit, ein Sinnbild der Vergänglichkeit von allem, was wir sind und tun und womit wir uns identifizieren. Der Exilsitz des Dalai Lama, Fotos von ihm in jedem Raum, in jedem Geschäft und jedem Restaurant. Die Verbrennungsstätten in Varanasi, am Ganges, die frei herumlaufenden Kühe. Und natürlich die Armut, die sozialen Unterschiede.

Es ist dann nicht mehr nur Literatur über Indien. Es ist mehr wie eine Erinnerung daran.

Und was davon ist noch in mir? Hat mich verändert? Mein Denken beeinflusst? Ich denke, so einiges. Die Erkenntnis, dass wir unsere Welt selber drehen. Dass Erwartungen nur Gedankenkonstrukte sind, keine Realität. Und dass wir trotzdem, zu Unrecht, enttäuscht oder wütend werden, wenn die Dinge nicht so eintreffen, wie wir es gerne hätten. Dann schieben wir die Schuld auf andere, auf die Umstände, suchen das Problem überall, nur nicht in uns selbst. Dabei entscheiden wir, ob wir uns damit schlecht fühlen oder es annehmen. Ich weiß jetzt: Ich muss mich nicht schlecht fühlen, wenn ich nicht will. Nichts und niemand außer mir selbst kann darüber bestimmen. Ich bin vollkommen frei, brauche keinen Ärger mehr, keine Wut.

Ich glaube, das ist das Wichtigste und Schönste, was ich aus Indien für mich selbst mitgebracht habe. Doch nicht nur das. Auch morgens, wenn ich noch im Bett liege, erinnert mich der Blick an die Wand, wo ein Fähnchen hängt, das ein Dalai-Lama-Zitat enthält, daran, dass jeder Tag kostbar ist. Dass es gar nicht so selbstverständlich ist, morgens aufzuwachen. Dass es jederzeit auch vorbei sein kann. Und dieser Gedanke ist gut, macht das Leben intensiver, da es mich anspornt, bewusster zu leben. Achtsamer. Den Tee mit jedem Schluck zu genießen und nicht einfach nur hinunterzukippen. Die Fahrt zur Uni immer als einzigartig zu erleben, weil es wirklich immer anders ist, wenn man genauer hinschaut. Oder auch bewusst zu faulenzen. Kurz: Es fühlt sich neu an, das Leben. Jeden Tag.

Buddhistisches Kloster in McLeod Ganj, Dharamsala
Ich habe mich selbst kennengelernt, in zehn intensiven Tagen voller buddhistischer Teachings und Meditation. Ich habe gesehen, dass hinter meinen Handlungen und Gefühlen oft ganz andere Dinge steckten, als ich zuerst annahm. Während des Meditierens kamen mir Tränen, die sich lange in mir versteckt hielten. Reue, weil ich meine Wut an jemandem ausgelassen hatte, der dieser schutzlos ausgeliefert war. Ich habe mir selbst verziehen und damit meinen Frieden gemacht. Ich habe gelernt, dass Mitgefühl besser ist als Arroganz, die wohl auch viel zu oft in mir überhandnimmt. Ich weiß nun, dass ich noch viel üben muss, um ein besserer Mensch zu werden. Doch ist der erste Schritt bereits getan, was mir Mut macht.

Ich bin kein Buddhist geworden, kann auch immer noch nicht so recht an Karma und Wiedergeburt glauben. Aber trotzdem gefällt mir der Gedanke, dass wir ernten, was wir säen. Dass wir jederzeit die Möglichkeit haben, das Schlechte, das in uns wohnt, nicht weiter zu verfolgen, sondern auszureißen. Dass wir keinem Schicksal unterworfen sind, das vorherbestimmt ist, sondern dass wir das ändern können. 

Es ist alles in unserem Kopf. Wir müssen nur hinsehen.